Böse Technologie oder böser Mensch?

Inhalt:

Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim »Circle«, einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz – so ein Ziel der »drei Weisen«, die den Konzern leiten – wird es keinen Schmutz mehr geben im Internet und auch keine Kriminalität. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterneköche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles …

Rezension

wp-1473527425666.jpgEins gleich zu Beginn: Ich kann Mae nicht ausstehen! Sie ist selbstsüchtig, kindisch und narzisstisch . Wenn man den etablierten Medien glauben schenken darf, ist sie also das Paradebeispiel für die Generation Y. Ich bin mit Mae von Anfang an nicht warm geworden. Das ständige Jammern und Gefallen wollen ging mir wirklich auf die Nerven. Das bedeutet jedoch nicht, dass „The Circle“ für mich deshalb ein schlechtes Buch ist. Man muss sich schließlich nicht mit der Hauptfigur jedes Romans identifizieren können. Ich bin jedes Mal irritiert, wenn ein Blogger oder Youtuber sagt, ihm gefalle ein Buch nicht, weil die Heldin so unsympathisch ist. Ich finde, das macht jedes Buch nur realistischer. Menschen sind nun einmal nicht perfekt und verhalten sich nicht immer tadellos. Warum sollten dies also fiktive Figuren tun? Aber genug abgeschweift…

In „The Circle“ geht es vordergründig darum wie Soziale Netzwerke und das Internet unser Leben beeinflussen, es immer verknüpfter und öffentlicher macht, bis wir zu einem sogenannten gläsernen Menschen werden. Es geht aber auch um die Urangst des Menschen vor dem unbekannten. Wir möchten alles wissen und gönnen unserem Nächsten nicht einmal das kleinste Stück Privatsphäre. Wie ein neidisches Kind verlangen wir alles: sei immer für mich erreichbar, erzähl mir alle deine Geheimnisse, sei mein Freund!!!

*Achtung: Ab hier enthält die Rezension Spoiler.*

wp-1473527425670.jpgIn „The Circle“ gipfelt dies darin, dass Mae ihr Leben sozusagen aufgibt und es für die Öffentlichkeit zugänglich macht. Sie filmt ihr Leben jeden einzelnen Tag. Wenn sie auf die Toilette geht, hat sie drei Minuten Privatsphäre ebenso wenn sie schläft. Sonst werden alle ihre Aktivitäten, Begegnungen und Gespräche live übertragen. Und sie ist nicht die Einzige. Täglich steigt die Zahl der Menschen, die ihr Leben live streamen lassen.

Statt einer Atmosphäre von Ehrlichkeit, Offenheit und Liebe, schafft dies ein Klima von Beklemmung und Selbstverleugnung. Jeder Mensch sieht sich selbst nur noch durch den Filter seiner Mitmenschen. Er passt sich an, zensiert sich selbst.

Die Idee hinter „The Circle“ ist nicht grundlegend neu, Dave Eggers übersetzt sie jedoch gekonnt, wenn auch teilweise überspitzt in unsere heutige Zeit, mit all der Technologie, die uns heute schon zur Verfügung steht. Deshalb ist man während der Lektüre nie wirklich überrascht, man weiß, was kommt oder kann es zumindest erahnen. Auch für das Ende des Romans gab es eigentlich nur eine Möglichkeit, alles andere, obwohl angedeutet, wäre unglaubwürdig gewesen.

„The Circle“ ist ein gelungenes Buch, das ich weiterempfehlen würde. Aber es hat auf der anderen Seite so viele interessante Figuren und Erzählstränge außen vor gelassen. Was ist aus Maes Eltern geworden? Ich hätte gerne mehr von Annie erfahren und glaube, dass ein Roman aus ihrer Sicht auch sehr interessant geworden wäre. Bei der Figur des Ty scheint sich Eggers jedoch nicht so wirklich entscheiden zu können. Ist er nun ein Genie oder Idiot? Er schafft diese ganzen Dinge für den Circle und überlegt es sich dann anders? Er vertraut Mae? Was ich einfach nicht verstehen konnte. Er hat doch gesehen, wie Mae ihren Ex-Freund Mercer ihrer Ideologie zum Frass vor wirft und glaubt trotzdem sie würde ihre Meinung ändern?

Am Ende entscheidet sich Mae für den impotenten Mann, der sie aufgrund seiner Unsicherheit bloßstellt und langweilt, statt des aufregenden und mysteriösen Mannes, den sie nicht versteht. Sie entscheidet sich also für das Bekannte, Durchschaubare.

Wie hat euch „The Circle“ gefallen. Erkennt ihr Tendenzen der dargestellten Gesellschaft auch in unserer?

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